Offener Brief an Barcelona

Ich säh dich gern noch einmal wie vor Jahren
Zum erstenmal. Jetzt kann ich es nicht mehr.
Ich säh dich gern noch einmal wie vorher,
Als wir uns herrlich fremd und sonst nichts waren.
(Auszug aus dem Gedicht “Das Ende vom Lied” von Mascha Kaléko)

Ich säh dich gern noch einmal wie vor Jahren
Zum erstenmal. Jetzt kann ich es nicht mehr.
Ich säh dich gern noch einmal wie vorher,
Als wir uns herrlich fremd und sonst nichts waren.
(Auszug aus dem Gedicht “Das Ende vom Lied” von Mascha Kaléko)
Manchmal wünsche ich mir tatsächlich diesen naiven, entzückten Blick zurück, als ich Barcelona zum erstenmal sah, am Meer mit Sonne und schönen Strassen. Aber dafür kenne ich es heute wohl zu gut…
Nun lebe ich schon seit langem hier und sehe viele Menschen kommen und gehen. Die meisten Fremden verweilen nur ein paar Jahre. Es wird zu teuer, das Leben in dieser Stadt. Es ist traurig, dass das Wohnen fast unerschwinglich wird für Neuankömmlinge und Einheimische. Letzte Woche hat die Stadtverwaltung angefangen die Fassade eines besetzen Hauses in Barceloneta zu zerstören. Das hat irgendwie was symbolisches: die hängenden Türen und dahinter leere Zimmer, leblose Räume. Und es kommen mir Fragen nach der Politik des Wohnens, Mietens, nach der Sicherheit der Nachbarschaft -denn der Kran schlug einfach so mal kurz die Hauswand ein und Denkmalschutz (gibt es so was hier?). Seither steht das Haus halb in Trümmern und eigentlich weiss man nicht genau, was daraus werden soll. Die einen meinen ein Hotel, die anderen sagen Sozialwohnungen. Aha, noch ein Hotel. Was ich fast noch verlogener finde sind die Sozialwohnungen. Bald werden die meisten BewohnerInnen Barcelonas sowieso in Massen eine Sozialwohnung beantragen (oder Häuser besetzen), bei diesen durchgeknallten Miet- oder Kaufpreisen. Hier schätzen wir uns glücklich, wenn wir noch eine winzige Wohnung so um die 30 qm2 für 800€ kalt ergattern – bei einem Durchschnittslohn von ungefähr 1000€ … Zimmerpreise in WGs ab 300€ - und jedes Loch wird zur Vermietung angeboten. Tja, und wenn man noch nicht gebunden ist, kann man sich ganz leicht die Bank zum ewigen Partner machen, mit einer Hypothek von 40 Jahren. Wie viele EinwohnerInnen müssen erst in Sozialwohnungen gestopft werden, bis die Stadt sich auf seine eigenen Leute besinnt? Das System ist irgendwie völlig verquert. Wenn sich nicht mal mehr DurchschnittsverdienerInnen durchfretten können… Und abwandern ins Umland verbessert die angespannte Wohnungslage nicht wesentlich. Barcelona vertreibt das Beste, seine EinwohnerInnen. In dieser skrupellosen und geldgierigen Atmosphäre, in der die Stadt modern, innovativ und kreativ sein will, scheinen nur die oberen 10-tausend zu profitieren. Barcelona erschafft sich neu… und vergisst erschwingliche Wohnungen für die Mehrheit.
Bis das Haus in Barceloneta komplett abgerissen und wieder neu aufgebaut ist, haben die Meisten vergessen, ob es nun ein Hotel oder Sozialwohnungen werden sollen. Kurzlebig, die Erinnerung. Und trotzdem glaube ich an dieses andere Barcelona, dass ich vor Jahren zum erstenmal sah. Ich glaube, dass es diese Stadt noch gibt, die über Jahrzehnte Heimat für Neuankömmlinge wurde und immer Platz für die Wurzeln der Seinen hatte. Ich habe das Gefühl nicht vergessen, als ich Barcelona zum erstenmal sah. Und es war nicht nur das Meer und die Sonne, nicht nur die Strassen und Gaudi, sondern seine Menschen.

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